Aus schweren Tagen... Das Kriegsjahr 1796 in Fridingen
In den Jahren dann, in denen die Deutschen die Fesseln ihrer Knechtschaft zerbrachen und das Joch des gewaltigen Korsen abschüttelten, lagen wieder einmal
Österreicher in Fridingen im Quartier. Weil von den gänzlich verarmten Bewohnern des Städtchens nichts mehr verlangt werden konnte, führten sie ihren Proviant mit sich. Die beiden Soldaten, die bei Juliane einquartiert lagen, waren brave, gemütliche Männer und gar manchesmal teilten sie ihr Essen mit den immer hungrigen Kindern Julianes.
Besonders die beiden jüngsten Knaben hatten sich die Gunst der Krieger erworben und manche Stunde spielten dieselben mit ihnen. Eines Tages nun, als die Mutter nach harter Tagesarbeit mit den größeren Kindern vom Felde heimkam, waren die Kleinen beim Klang der Ave-Glocke nicht zu Hause. Bangen Herzens hielt Juliane Nachfrage in der Nachbarschaft und ging durch manche Gasse; aber niemand hatte die Knaben gesehen und nirgends fand sich eine Spur. Vielmehr stellte es sich heraus, daß die beiden Soldaten auch fehlten.
Wie ein Stich ging es da durch Mutter Julianes Seele. Wenn nun die fremden Krieger die beiden Knaben fortgeschleppt hatten? Wenn ihre Zuneigung zu den Kindern nichts als Falschheit gewesen war? Was kam in diesen rauhen Zeiten nicht alles vor! Während die Männer der Nachbarschaft nach den Vermißten auf die Suche gingen, kniete Juliane mit ihren anderen Kindern betend daheim. Ihr sonst so mutiges Herz wollte fast brechen ob dem ungewissen Schicksal der beiden Jungen. So manches Leid hatte sie durchkostet in all diesen Jahren, aber dem Leide dieser Stunde kam keines von jenen gleich.
Schon hüllte die Nacht Berg und Tal in ihren dunklen Mantel und immer betete Mutter Juliane mit zermartertem Herzen, da traten die beiden Soldaten ins Haus, die schlafenden Knaben auf den Armen. War das ein Jubel und Erzählen. Drüben über dem Berge, im alten Kloster Beuron, waren sie gewesen, hatten im dort untergebrachten Lazarett kranke Kameraden besucht. Um nun den beiden Knaben eine Freude zu machen, hatten sie dieselben mitgenommen. Sie hatten zeitig wieder zurückkommen wollen, aber auf dem Heimweg hatten sie den rechten Weg verfehlt, waren lange umhergeirrt und erst wieder durch die Rufe der suchenden Männer aus der Waldeswirrnis herausgekommen. Die ermatteten Knaben hatten sie bei ihrem Umherirren stundenlang getragen.
Endlich ward dann im Jahre 1815 Bonapartes furchtbare Macht gebrochen und dem so lange geknechteten deutschen Vaterlande erblühte wieder Freiheit und Frieden. Doch Not und Armut wohnten noch lange in Stadt und Dorf und dazu kamen noch die harten Hungerjahre 1816 und 1817. Als Johann Georg Spiegel sich endlich wieder ganz seinem Hauswesen widmen konnte, war er ein armer Mann. Leer standen die einst so wohlgefüllten Ställe, unfruchtbar, zum Teil verödet, lagen die Felder und auf dem Hause, das in den langen Kriegsjahren auch beträchtlich gelitten hatte, stand eine Schuld von einigen tausend Gulden. Aber eines nannte er und seine Juliane und mit ihnen die meisten Menschen jener harten Zeit ihr eigen: frohen, freudigen Schaffensdrang und äußerste Genügsamkeit. Und diese beiden mächtigen Faktoren halfen ihnen in Verbindung mit Einfachheit und starkem Gottvertrauen wieder zu besseren, glücklicheren und froheren Tagen.