Literarische Entdeckung des Donautals
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Am 12. September 2020 um 5:30 Uhr trafen sich am Parkplatz der Fridinger Vogelsangschule 17 Frühaufsteher auf Einladung des Heimatkreises zu einer Früh-Wanderung unter dem Motto „literarische Entdeckung des Donautals“.
Das Konzept ist so einfach wie genial: Man wandert gemeinsam von der Nacht in die Dämmerung bis in die Morgensonne und macht dabei an verschiedenen Stationen halt, an denen jeweils ein passendes literarisches Fundstück vorgelesen wird. Zum Abschluss belohnen die wärmende Sonne, der wunderschöner Ausblick und ein stärkendes Frühstück.
Am Startpunkt wurde durch verschiedene historische Nennungen von der griechischen Mythologie, Kaiser Augustus, dem Nibelungenlied, Napoleon, bis zu Joseph Eichendorff oder Adalbert Stifter klar, dass die Donau ein geostrategisch bedeutsamer Fluss und das Donautal eine literarisch inspirierende Landschaft ist. Motiviert ging es den Anstieg hinauf zur ersten Station, dem Kriegerdenkmal am Härle.
Hier wurde aus einem Reisebericht von Harry Rotermund zitiert, der 1933 gemeinsam mit seinem Vater, seinem Bruder und einem Freund eine abenteuerliche Donaufahrt von Tuttlingen nach Wien unternahm und den Ort in seinem Reisebericht erwähnt. Die Landschaft wird wie folgt beschrieben:
„Der Weg an der Donau entlang ist von unbeschreiblicher Schönheit. Der Fluß durchbricht die Schwäbische Alb. Im Laufe von Jahrtausenden hat er sich ein tiefes Bett durch das weiche Kalkgestein gegraben. Zu beiden Seiten erhebt sich schroff das Gebirge, von zahllosen tiefen Schluchten durchzogen. Einzelne mächtige Kalkfelsen steigen jäh in die Höhe; ringsum ist das Gestein durch Wasser und die Macht der Witterung abgetragen. Und wo die Verwitterung schon weit genug fortgeschritten ist, wächst herrlicher Buchenwald, der sich bis tief in die Schluchten hineinzieht und die Kalkmassen wie ein grüner Kranz umgibt.”
Jürgen Hagen und Wolfgang Wirth beim Vorlesen der Texte
Weiter geht es entspannt zum Härlekreuz, an dem ein Bericht des Donaueschinger Schriftstellers Max Rieple von 1969 verlesen wurde. Dieser beschreibt den Ausblick von diesem Platz in eindrucksvollen Bildern:
„Zwischen Heckenrosenbüschen, mit den Korallen der Hagebutten geschmückt, schwingt sich von hier der Pfad zur Donau hinunter. Wer einmal im Oktober im Donautal stand, wird dieses Leuchten und Glühen nie mehr vergessen können. Während über dem Silberband der Donau schon blasse Nebelstreifen hängen, flammt der Wald in der tiefstehenden Sonne noch einmal auf, als sei jeder Baum eine lodernde Fackel und als vereinten sich all diese Flammen zu einem Feuermeer.”
Am Lugengässle wird ein Bericht des 1941 in Sigmaringen geborenen Reisejournalisten Dieter Meier von 1982 verlesen, der den Donauabschnitt zwischen Fridingen und Beuron als „(…) landschaftlich wohl imposantestes Stück der ganzen Donau” beschreibt und weiter ausführt:
“Wer diese Mühe nicht scheut, lernt ein Stück Weltabgeschiedenheit kennen, wie man es heute kaum noch für möglich halten würde: Auf eine Länge von knapp 10 Kilometern übernehmen Kalk, Wald und Wasser gleichzeitig die Regie und die Hauptrollen in einem Naturtheater ohnegleichen. Senkrecht steigen die mächtigen, je nach Beleuchtung fahlgrauen, leuchtend weißen oder warm gelben Kalkwände aus dem beinahe stehenden, schwarzen Donauwasser. Stiegelefelsen, Bettelmannfelsen, Knopfmacherfelsen und Laibfelsen sind die Kalkbastionen, die auf Wanderer anziehend wirken (...).“
Auch der 1792 in Stuttgart geborene Pfarrer und Schriftsteller Gustav Schwab, der insbesondere durch seine Veröffentlichung der deutschen und hellenistischen Sagen noch im Bewusstsein der Menschen ist, wird aus seinem Reisebuch von 1837 zitiert:
„Hier beginnen die eigentlich romantischen Partien des Donauthals. Auf dem rechten Ufer zeigt sich bald in einem seiner wildesten Seitenwinkel auf einer steilen, von drei Seiten freien Anhöhe die Ruine des Schlosses Kallenberg, auf Sigmaringischen Grund und Boden. Gewaltige Türme und Mauerringe von wahrhaft cyklopischen Steinen laden den Wanderer ein, den waldigen Bergriss emporzuklimmen und den Vorsprung nicht unbesucht zu lassen, auf welchem die mächtigsten Trümmer liegen, von welchen man einen tiefen Niederblick auf die blaue Donau und die gegenüberstarrenden Felswände hat.“
Gestärkt von so viel Lob über die heimatliche Landschaft zieht die Gruppe über das Lugengässle im Morgengrauen zum Ziegelsteg. Wo nicht etwa ein weiterer authentischer Reisebericht auf die Gruppe wartet, sondern Science Fiction, die das ein oder andere Schmunzeln auf die Gesichter der Teilnehmer zaubert.
Der bekannte französische Schriftsteller Jules Verne berichtet in seinem Roman „Der Pilot von der Donau“ von einem Anlanden seines Protagonisten „Illia Brusch“, der sich aufgemacht hat, die Donau mit seiner Jolle bis zum Schwarzen Meer zu befahren und unterwegs nur vom Verkauf seiner frisch gefangenen Fische zu leben.
Im Roman feiern die Fridinger den abends ankommenden Brusch euphorisch und reißen ihm den Fang, bei bester Bezahlung aus den Händen. Zudem erhält er allerlei Einladungen, die er aber ausschlägt. Seine Fridinger Fans versprachen derweil, ihn bei seiner Abfahrt am nächsten Morgen noch einmal zu begrüßen. Dieser wollte wohl den Trubel nicht und brach schon im Morgengrauen zur Weiterfahrt auf.
Die nächste Station war die Zügelhütte, an der ein Bericht von Franz Xaver Konrad Steiger aus dem Jahr 1866 verlesen wurde. Staiger lobt den Donauabschnitt zwischen Fridingen und Sigmaringen in besonderer Weise.
„Denn dieses Thal bis nach Sigmaringen ist an Naturschönheiten und historischen Denkwürdigkeiten so reich, daß kaum ein Winkel Teutschlands so sehr verdient besucht und untersucht zu werden.”
Auf der sechsten Station hielt die Gruppe am Talweg rechts der Ufer mit Blick auf den „Stiegeli-Felsen“. Hier wurde ein Bericht des Esslinger „Gustav Ströhmfeld“, einem Mitbegründer des schwäbischen Albvereins verlesen, der sich besondere Verdienste um die Grundkonzeption des Wegenetzes des Wandervereins erworben hat. Auch er beschreibt die romantische Landschaft:
„Der Höhepunkt landschaftlicher Romantik ist aber da zu finden, wo sich über den Wipfeln der Bäume die Türme und Mauern alter Burgen gleich Adlerhorsten auf den grauen Felsen erheben, und so ist dann der mittlere Teil des Donaudurchbruches ab Fridingen als die Glanzpartie der ganzen Strecke zu bezeichnen (…) .”
Weiter geht der Weg zum Scheuerhof, auf der Höhe wo der Wanderweg von der Kallenburg auf den Donauweg einmündet. Mittlerweile ist es hell geworden und es wird ein Bericht des Historikers Josef Stöckle von 1888 verlesen, der von seiner Donautalwanderung in seiner Studentenzeit berichtet.
Diese erzählt von einer herzlichen Bewirtung und Gastfreundschaft des Scheuerlehof Bauern, der ihn spontan über Nacht beherbergte und verköstigte und der ihn zum Abschied mit einem besonderen Geschenk überraschte:
„Als ich am folgenden Tage, nachdem ich noch mit meinem freundlichen Wirthe eine schmackhafte Suppe verzehrt und noch ein Gläschen zum Abschied getrunken hatte, nach der Schuldigkeit fragte, machte er es wie der gute Apfelbaum, er schüttelte den Kopf und meinte, Studenten seien zechfrei, und es habe ihm eine solche Freude gemacht, mich aufzunehmen, daß ich ihm nicht abschlagen dürfe, ein Gastgeschenk anzunehmen, wofür ich auf Werawag ein Fläschchen vom Besten auf sein Wohl trinken solle.”
Weiter ging der Weg zur Teufelsküche, wo diesmal nicht etwa Berichte über den aktuellen Donauabschnitt verlesen wurden, sondern über die Kreisstadt Tuttlingen. Diese kommt aber zum Beispiel im Bericht des Arztes und Schriftstellers Gottfried P. Rauschnick von 1817 nicht besonders gut weg, wie folgende Passage zeigt:
“Allenthalben traf ich nur ärmliche, schmutzige Hütten, kaum mit dem notdürftigsten Hausrath versehen und schlecht bekleidete, finster aussehende Menschen, bei denen die Zufriedenheit nicht einheimisch zu seyn scheint. Die Menschen sind ein kleiner, untersetziger Schlag und nichts weniger als schön. Wo sind die schönen, munteren, blonden Schwäbinnen, von deren Liebreiz man uns Nordländern so vielartige Dinge erzählt? Wo die hochgewachsenen, schlanken Jünglinge, die in unseren Romanen und Gesängen figurieren? Von allen dem habe ich nichts gefunden."
Auch der Maler und Radierer Joseph Anton Koch beschreibt die Tuttlinger Heide, die er 1791 kennenlernt, wenig euphorisch:
“Kein murmelndes Bächlein oder sanft herniederrollendes Grün oder sanfte Erdenbewohner machen diese Region zu einem angenehmen Aufenthalt. Dies ist kein Ort für innig sich Liebende, welche nur die gastfreundliche Natur erquicken kann. Kein singender Vogel oder sonst ein belebtes Geschöpf wählt diese Gegend zum Wirkungskreis ihrer Tätigkeit, selbst die Insekten scheinen dieses Bild des Todes zu fürchten, denn hier sah ich keines.”
Erheitert und froh, im schönen Donauabschnitt zwischen Mühlheim und Sigmaringen wohnen zu dürfen, wanderte die Gruppe weiter Richtung Jägerhaus. Hier machte man die neunte Station vor dem Hakenbrunnen. Es wurde ein Text des Heimatdichters Anton Schlunde von 1858 verlesen, der das Donautal - trotz seiner körperlichen Behinderung - gründlich erforschte und wie folgt besang:
“Selbst diejenigen, welche an Felsen und Gebirgsparthien gewöhnt sind, werden, wenn sie dieses Thal das erstemal durchwandern, von den pittoresken Gestalten des Gebirgs, wo sich die Szene fast alle hundert Schritte ändert, überrascht werden. In der romantisch-schönsten Gegend liegt das zu Kallenberg gehörige Bauerngut, Scheuerle genannt; hier zeigt die Natur ein vollendetes Meisterstück des Schöpfers, welches zu malen auch der künstlichste Pinsel nicht im Stande wär.”
Mittlerweile hatte die Sonne die meisten Nebelschwaden aufgelöst, die Sonne kam durch die Wolken. Begleitet von einem konzert-ähnlichen Gebrüll der weidenden Zeburinder erreichte die Gruppe das Jägerhaus.
Hier wurde ein Bericht vom Anton König vom Aufenthalt des Dichters Josef Victor von Scheffel in Beuron von 1882 verlesen:
Diese berichtet vom Aufenthalt im Gasthaus Pelikan und Scheffels Leidenschaft, dem Fischfang. Beim Fischen gab es immer ein gutes Vesper, bestehend aus Brot, roten Würsten und rotem Meersburger (Domänenkammer) Wein. Scheffel, der den Umgang mit den einfachen und ehrlichen Leuten sehr schätzte („ohne Falsch und Phrasen“) frug den alten Steigbauer Xaver Biselli, ob ihm der Wein auch munde und bekam offenbar zu Antwort: “O, wer ka au do gnua kriega!”
Die Gruppe überquerte nun trockenen Fußes über die Steine auf der Höhe des Jägerhauses den von den Literaten vorher so eindrücklich beschrieben Fluss, der diese schöne Landschaft geschaffen hat.
Der nächste Anlaufpunkt war die Hütte beim Zeltplatz Bronnen. Hier wurde der Journalist und Schriftsteller Anton Rehbein zitiert, der 1809 das Donautal bewanderte und unter dem Pseudonym „Atz vom Rhyn“ Reiseberichte verfasste. Er schildert einen Aufenthalt im Jägerhaus zu Ostern. Er lobt darin den guten fangfrischen Fisch, die Sichtung von Gemsen bei der Jagd -die er hier gar nicht vermutet hätte -und einen Ausflug mit Jäger Stehle auf Schloss Bronnen. Rehbein schliesst seinen Bericht mit der folgenden Passage:
„Von der Josefinenaussicht sind wir nicht gleich ins Tal hinabgestiegen, sondern haben erst noch Wildenstein besucht. Bronnen, Wildenstein, Werenwag– das sind die drei Burgen, die für das obere Donautal so charakteristisch sind , sie liegen so nahe beieinander, da. sie ein einziges Gemälde bilden, umrahmt von den weißen Wänden der Alb. Und derselbe Rahmen umspannt ja auch das Jdyll von Beuron. So drängt sich fast zu viel des Schönen in ein paar Wanderstunden zusammen.“
Das letzte Wegstück war der Aufstieg von Tal auf den Knopfmachenfelsen. Hier wurde von Wolfgang Wirth versucht, die These, man lebe an der Oberen Donau im Paradies, mit einigen Anleihen aus der Mythologie und der Literaturgeschichte zu untermauern. Wer seinen Blick vom Knopfmacher über das Tal, in dem noch einige Nebelschwanden die Landschaft durch ein Spiel des Verhüllens und Zeigens noch reizvoller machten, brauchte aber gar keine Argumente für die aufgeworfene These. Nach Zitaten von Fritz Schray, Dr. Armin Heim und Gerda Rob, die die Vorzüge der Natur- und auch der Kulturlandschaft priesen, gab es noch einen literarischen Ausflug zu den Dadaisten, mit einem Gedicht von Wilma Pfeifer, die lautmalerisch den Fluss besang:
„(…) mit dem himmel um die wette - vom schwarzen wald zum schwarzen meer - eine blaue kette- himmlisch balu, was willst Du mehr? (…)“
Allein die Auswahl der Literatur, die wärmende Sonne und der Blick vom Knopfmacher wären den Wanderern, Belohnung genug gewesen, doch es folgte -wie ein Tüpfelchen auf dem i - noch ein gemeinsames Frühstück auf der sonnigen Panoramaterrasse des Berghaus Knopfmacher, zu dem noch andere Vereinsmitglieder hinzustießen.
Das Format ist absolut stimmig und die Wanderung war ein wunderschönes Erlebnis für alle Teilnehmer. Da es noch mehr schöne Orte zu erkunden gibt und es dazu auch noch Literatur von Rang findet, wie zum Beispiel Hölderlins Hymnus „Der Isther“, der den Donaulauf zum Thema hat, dürfen sich die Teilnehmer und alle Interessierten jetzt schon auf die nächste Frühwanderung freuen.
„Jezt komme, Feuer! Begierig sind wir Zu schauen den Tag, (…)“
Text und Fotos: Stefan Andreas Geiger, weitere Fotos Günter Heni